nachtwache. seetag I

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nachtwache. — auf. see. — Es ist 00:46 Uhr. Sende euch Zukunftsgrüße vom Oberdeck. Mal wieder. Über mir Millionen Lichter der Vergangenheit. — Hier draußen zeigt sich die Milchstraße in ihrer vollen Pracht. Atemberaubend, außergewöhnlich. Voll von Sternen und Staub. Und am Rande dieser Galaxie segeln wir, Ministecknadelgross, auf unserem wunderschönen Planeten Erde – mit dem Schiff quer über den Südpazifik. Fällt mir immer noch schwer, das zu glauben. — Bei einem Wind von etwa 8 Knoten sind wir mit aktuell 6,5 Knoten gut unterwegs und schön auf Kurs. Zwei weitere Yachten, ebenfalls mit Kurs auf Neuseeland, sind auch unterwegs da draußen. Die Pico und die Panta Rei mit ihrer Crew von zwei, bzw. drei Personen. Sehen können wir sie kaum noch, wir haben uns alle für etwas unterschiedliche Kurse entschieden. Auch, weil jedes der Schiffe unterschiedliche Segeleigenschaften hat und der beste Kurs für die Einen nicht gleich der beste für die Anderen sein muss. — Es ist eine mondlose Nacht. Wir sehen dem Neumond entgegen. Mondaufgang ist erst um kurz vor vier. Lediglich eine sanfte Sichel wird erkennbar sein. Wenn überhaupt. Schon anderthalb Stunde später geht die Sonne auf und die Dämmerung wird Nacht und Tag verschwimmen lassen. — Der Wind der mir um die Ohren fegt, ist angenehm warm. Freue mich darüber, dass ich meine erste Nachtwache noch im T-Shirt verbringen kann. Lange wird das vermutlich nicht mehr gehen. Wir segeln dem neuseeländischen Frühling entgegen, dort wird es deutlich kühler sein, die See rauer.
Mittlerweile ist es 01:26 Uhr. Larabeck gleitet sanft und gutmütig durchs Wasser. Wir fahren nach wie vor schön am Wind… das soll so bleiben. — what. would. she. say. — Ich halte die Segel stets im Blick und ertappe mich des Öfteren bei der Frage, was Barbara jetzt wohl sagen bzw. machen würde – mit den gesetzten Segeln. Mit dem Groß und der Genua??? — Barbara? – Ja, unsere Ausbilderin in der Segelschule. Ich hatte ja zu Beginn, im September, berichtet, wie alles losging und wir sowohl Schulbank und die Dyas drückten unter den harten und erschwerten Bedingungen am Chiemsee, insbesondere am Prüfungstag… und aus irgendeinem Grund muss ich heute ständig an diese Zeit zurück denken.
Sie hat uns das Segeln auf eine Art und Weise vermittelt, das schon währenddessen ganz klar war, das wir definitiv einfach nur noch segeln wollen! Der aufkommende Wunsch zur See zu fahren, nach dem die Landmüdigkeit einzog, erhärtete und bestätigte sich dort lediglich.
Und sie hat mir während der Praxisausbildung irgendwie ein Gefühl durch ihr Megafon vermittelt, wie ich noch mehr aus den Segeln rausholen kann um den besten Kurs zu halten oder erwischen, das sich ganz schön eingeprägt hat. Es klingt noch heute in meinen Ohren.
Dennoch bin ich aktuell etwas überfordert, vor allem jetzt, ganz allein an Deck, mitten in der Nacht, wenn wir an Fahrt verlieren oder der Wind dreht und ich nicht weiter vom Kurs abfallen sollte und am liebsten panisch einmal quer durchs Schiff laufen würde. Zu Hilfe! Zu Hilfe!
Aber nein, ich weiß, das Gefühl stimmt -meistens zumindest- und so habe ich mich dazu entschlossen, ruhig zu bleiben und einfach ein bisschen auszuprobieren. Ruhe zu bewahren, zu fühlen und spüren was Larabeck gerade braucht… und mir dann die Frage zu beantworten, was Barbara mir jetzt wohl durchs Megafon flüstern würde.
(Uuuund ich werde später erfahren, dass auch Jasmin sich genau das gedacht hat, während ihrer Wachzeit: „Was würde Barbara jetzt tun?“ und dann danach gehandelt hat. Und das ist der Grund, warum ich überhaupt darüber berichte. Ich würd sagen, da hat jemand echt ganze Arbeit geleistet.)
Ich mein, wenn wir ehrlich sind, bin ich immer noch mitten in der Ausbildung. Gerade den Segelschein gemacht und schon sitzen wir hier und überführen Larabeck von den Fijis nach Neuseeland. Eine bessere Möglichkeit gibt es doch fast gar nicht, Crew eines solchen Abenteuers zu sein. Und jeder der sagt, geht doch gar nicht…. Geht ja wohl! Und ich kann euch eine Segelschule empfehlen, in der man euch das alles so gut beibringen wird, dass auch ihr euch das „sofort“ zutrauen werdet. (denke ich) — work. at. night. — Die Crew schläft und das soll auch so bleiben. Ich hoffe, ich kann ihnen ihre wohlverdiente Ruhe lassen. Daher, keine Sperenzchen, keine außergewöhnlichen Vorkommnisse, geschweige denn ein Manöver. Also heißt es ab und an ein bisschen fieren oder dicht holen. Nur minimal. Manchmal lege ich das Ruder 1-2 Grad gen Steuerbord oder Backbord. Je nach Gefühl. Manchmal auch einfach wieder Kommando komplett zurück. Learning by doing.
Es ist die erste Nacht hier draußen und Rasmus meint es echt gut, Larabeck ebenfalls. Ich halte Ausguck, ob irgendwelche Lichter auftauchen, oder andere Dinge, alle 15 Minuten checke ich auch das Radarbild. Das dritte Auge quasi. Noch ist alles ruhig. Keine Containerschiffe, keine Fischer, nach wie vor nur Pico und Panta Rei. Picos Backbordlaterne kann ich ab und an sogar noch wahrnehmen, hinter uns, weit entfernt; Panta Rei sehe ich seit Stunden gar nicht mehr.
Mittlerweile ist es 2:53 Uhr. Immer noch, oder wieder 6,5 Knoten. Zwischendurch habe ich es mal auf 7,9 Knoten geschafft!!! Keep on sailing. Das hat richtig Laune gemacht und mich ganz schön ermuntert. Wir kommen gut voran und die Richtung stimmt. — wünsch. dir. was. — Ich schaue in die Ferne und ich schaue in die Sterne. Etliche Sternschnuppen fallen hinunter, und während sie verglühen, steckt in jeder von ihr ein Wunsch. Es sind so viele, dass ich mir überlegt habe, für jeden von euch eine zu sammeln. Und daher hat just in diesem Augenblick jeder von euch einen Wunsch frei. Augen zu! Wünschen! Und fest daran glauben!
Ja, schickt euren Wunsch ins Universum. — getting. sleepy. — Nächste Kontrollrunde steht an. Langsam werde ich echt müde – es ist 03:03 Uhr. Die letzte Stunde meiner ersten Nachtwache ist angebrochen. Ich schlürfe meinen Tee. Einen leckeren Lady Grey. Auch wenn es warm ist, die Wärme des Tees tut jetzt richtig gut.
Nach wie vor ist alles ruhig und es läuft prima. Kommen mit fast 7 Knoten weiterhin gut vorwärts, die dunklen Wolken, die sich eben noch am Horizont zeigten sind längst vorbei gezogen und der warme Südseewind weht mir um die Nase. Was für eine wunderschöne Nacht. In knapp 20 Minuten geht der Mond auf und ich habe dann Wachschluss. — tradition. — Auf Traditionsseglern trifft man sich zur Wachübergabe 5 Minuten vor der Zeit an Oberdeck, begrüßt die kommende Wache mit „gute Wach!“ in ihre Arbeit und verabschiedet die gehende mit „gute Ruh!“ auf Koje (oder in die wachfreie Zeit).
Da Segeln per se so viel Tradition in sich birgt und wir diese ein bisschen leben und weitergeben möchten, haben wir uns entscheiden, dass wir es ähnlich handhaben und einige dieser Traditionen übernehmen. So auch die Wachübergabe samt Fakten und Infos, überpünktlich und daher… — …darf ich Jasmin nun in ihre Wache von 4-8 Uhr begrüßen -gute Wach- und ich lasse mich in meine freie Zeit verabschieden. Meine Augenlieder sind so schwer, ich schaffe es nicht mal auf Koje, schlafe noch im Centercockpit ein und genieße Wind und Wellen, so wie das Rauschen der See. Gute Ruh!

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