nachtwache. seetag III

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Natürlich kann ich nicht immer schreiben, auf Wache, aber so lange es geht und so lange es etwas zu berichten gibt, versuche ich es euch ein Stück mitzunehmen durch die Nächte auf See. — unter. motor. — Punkt 1:00 Uhr. Wir motoren. Michael und ich haben zwar bei Wachübergabe noch versucht das Beste aus den Segeln herauszuholen, aber leider haben wir dabei so an Geschwindigkeit verloren, dass wir uns doch wieder für die Fahrt unter Motor entschieden. Leider. Wir dürfen Strecke machen, die Windvorhersagen sind aktuell nicht sehr beständig und solange derart wenig Wind ist, müssen wir die Flaute eben ein bisschen überbrücken. — Sehr happy macht uns das alle nicht. Zum einen ist es laut, zum anderen sollte ein Segelboot segeln, außerdem möchten wir gerne Sprit sparen. Für die Umwelt und für uns, damit wir möglichst lange volle Tanks haben. Hätten wir mehr Zeit, vielleicht würden wir auch einfach dümpeln. Allerdings ist auch das ein entscheidender Punkt, denn dann gibt es ganz schön Rock ‘n‘ Roll mit der Schiffsbewegung, wenn die Fahrt voraus fehlt. — Auf dem Radar sehe ich, dass Regen kommt. Die Nacht ist zappenzappenduster, ihr wisst ja seit gestern was das heißt. Heute ist Neumondnacht und zusätzlich hängen dunkle Wolken tief. Vereinzelt sehe ich Sterne über mir, vor mir jedoch eine riesige schwarze Leinwand, in die wir direkt hinein steuern. Das wirkt wie im Film. Kaum in Worte zu fassen, dieses Gefühl, überwältigend. — Die Regenfront kommt näher und sie wird größer. Vielleicht bringt sie ein bisschen mehr Wind. Gedreht hat er zumindest schon. Ich freue mich richtig darüber, wie sich langsam das Gefühl zur Beobachtung von Wind und Wetter entwickelt und sich mehr und mehr einstellt. Dank Michael, der uns immer wieder mitnimmt in seine Überlegungen und Beobachtungen und uns Zusammenhänge erklärt. (…und auf dem Segelschiff gibt es wirklich viele Zusammenhänge die wie Zahnräder ineinander greifen und die beachtet werden wollen.) Auf diese Art und Weise, nämlich für vier Stunden alleine verantwortlich zu sein, lernen wir als totale Rookies selbst den Blick und ein Gefühl dafür zu bekommen. Was gibt es besseres als learning by doing. „Better an ooops, than a what if?“ — Danke Michael, für deine Geduld und fürs unentwegte Teilen deines Wissens. Immer wieder. — Es ist 1:29 Uhr. Gerade habe ich wieder meine obligatorische Runde gedreht. Kaum Veränderung. Nach wie vor wenig Wind. Der Regen wird bald da sein. Die Luft draußen ist noch immer angenehm warm und riecht sommerlich, wenn auch nach Regen. — *tagsachen* — So dann will ich die Nachtwachen auch mal nutzen um ein bisschen was über die „Tagsachen“ zu erzählen. Auch tagsüber hält einer die Stellung und die Umgebung im Blick, es kann durchaus sein, dass ein anderes Schiff auftaucht, oder irgendetwas im Wasser ist. Wachsam zu sein ist das A und O. Wenn sich Wind und Wetter ändern gibt es außerdem Einstellungen an den Segeln vorzunehmen, oder hie und da eine Kursänderung. Immer das Beste rausholen. Keep on sailing. Außerdem ist Ausruhen wichtig, für uns alle, auch hier wechseln wir uns ab. Solange das Wetter so ist wie jetzt, findet das durchaus auch an Deck statt. Extrem wichtig ist natürlich auch essen, das vergisst man tatsächlich leicht. Die Routine hat sich noch nicht ganz eingestellt, aber an Tag III war es schon etwas routinierter als an Tag II und I. So bin ich zuversichtlich, dass sich das alles fügen wird. Des Weiteren lesen wir, reden wir, knoten wir (haben festgestellt dass wir Nachholbedarf haben, die Knoten die wir in der Ausbildung gelernt haben, waren größtenteils weg, jetzt holen wir sie und zurück und mit ihnen noch andere abgefahrene Techniken, kann man sicher alles mal brauchen), lassen uns ein Buch vorlesen, setzen Segel, holen sie ein, sprechen über Wind und checken das Wetter. Sinnieren wir und philosophieren wir. Außerdem sind wir dankbar. Für all das. Wir angeln, und zwar erfolgreich. Gestern haben wir einen Thunfisch gefangen. — Kurz bevor ich mich hinlegen wollte, sehe ich den Fisch am Haken. Mensch, war ich aufgeregt. In dem Moment war an Schlafen nicht zu denken. Es war bereits 19 Uhr, aber erst wollte ich sehen, was wir am Haken hatten. Und dann. Als ich endlich auf Koje lag, konnte ich nicht einschlafen vor lauter Aufregung über dieses Prachtexemplar und auch auf Grund der Demut, des gefangenen Fisches wegen. Es ist eine ehrliche Art Fisch oder Fleisch zu essen, wenn man sich vorher auch mit dem Fangen und Töten beschäftigen muss. Es versetzt mir einen Stich ins Herz, zu sehen, wie ein Lebewesen für ein anderes, für uns, sein Leben lässt. Und bisher habe ich es nicht mal selbst geschafft, einen Fisch zu erlegen, bislang hat Michael diese tragische, wie wertvolle Aufgabe übernommen. Aaaber ich habe zugeschaut, habe mich dazu überwunden und gezwungen, einfach, um nicht wegzuschauen, wenn das Tier schon wegen uns sterben muss. Und wieder merke ich wie einfach es ist, Fleisch und Fisch im Supermarkt zu kaufen. Die Gedanken über das Fangen und Töten kann man dort einfach echt gut verdrängen. — Aber genug erstmal davon. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass es uns allen etwas ausmacht und wir ganz anders dankbar sind für die Mahlzeit, wenn wir das Essen vorher selbst gefangen und erlegt haben. Wir bedanken uns für den Fang und auch bei dem Fisch. Für sein Fleisch. Mehr können wir nicht tun. Außer, es sein zu lassen. — Während ich dann also gedankenvoll auf Koje lag, hundemüde und gefühlt kurz vor Wachantritt, haben Jasmin und Michael sich ums Filetieren sowie die entsprechende Kühlung des Fisches gekümmert. Heute gibt es also frischen Fisch. Thunfisch deluxe. Wahnsinn. Fair gefischt. — time. goes. by. — Es ist 2:20 Uhr. Der Regen ist da. Ich dachte, ich könnte das Schiff unter Segel bringen, Geschwindigkeit halten und den Motor ausschalten. Leider habe ich dabei so viel Speed gelassen, dass ich mich gegen das Ausschalten des Motors entschied. Try and error. — 03:18 Uhr. Die zähe Stunde läuft. Der Regen ist weiter gezogen. Mein obligatorischer Wach-Tee hält mich wach. Vielleicht. Auf jeden Fall halte ich mich wach. Mit Schreiben, gucken, denken. Michael war grad auch mal da, wir haben alles noch einmal gemeinsam gecheckt. Aber auch er sieht keine Möglichkeit wie wir irgendwie unter Segeln entsprechende Fahrt machen könnten. Zu schade. — 4:00 Uhr Wachwechsel. Während Jasmin und ich die Übergabe machen, kommt wieder eine kleine Regenfront und mit ihr…tadaaa W i n d. Hammer. Wir entscheiden uns, gemeinsam noch die Segel zu setzen und den Wind zu nutzen. Können den Motor ausschalten, da wir es auf 5 Knoten schaffen. Darüber freuen wir uns. Pünktlich zur Morgendämmerung schaffen wir ein bisschen Ruhe und gleiten sanft unter Segeln daher. Der Regen zieht weiter, der Himmel zeigt sich in glühendem orange und gelb. Jetzt ist es hell. — Nach einer Stunde stirbt der Wind und trotz aller Bemühungen fallen wir zurück auf unter 2 Knoten. Motor wieder an. Es ist mittlerweile 05:17 Uhr. Welch ein schöner Wachwechsel. Doch nun verabschiede ich mich in meine wachfreie Zeit. — Gute Wach! * Gute Ruh. * KEEP. ON. SAILING.

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